Vorsicht mit dem Mittelmaß

Beraubt sich die Menschheit der Spitzenleistung, wenn Optimierung im ökonomischen Sinne am Ende nur Mittelmaß erzeugt? Ist es Scharlatanerie oder neo-professionell, wenn jeder mit drei Klicks irgendein Geschäftsmodell zusammenschustern kann? Für Europa sehe ich einen neuen USP, wenn Leistung aus Überzeugung entsteht – und nicht nur, weil es der Business Case verlangt.

Diamanten sind etwas Besonderes. Enormer Druck und hohe Temperaturen tief unter der Erde haben den Kohlenstoff über mehr als drei Millionen Jahre in seine kubisch kristallisierte Form gebracht. Jetzt habe ich gelesen, dass Forscher der Universität Augsburg einen lupenreinen Diamanten mit 155 Karat innerhalb weniger Tage geschaffen haben. Von seinen jahrtausendealten Vorbildern ist er kaum zu unterscheiden. Trotzdem werden es solche Greenhorns nicht in die Kronjuwelen des britischen Königshauses schaffen, da bin ich mir sicher. Denn die Instant-Steine sind, was sie sind: standardisiert, automatisiert, skalierbar, Mittelmaß.

Ein anderes Beispiel für die Schlagseite der Sofort-Kultur: Spanische Forscher beschleunigen den Reifeprozess eines Sherrys mit Ultraschall auf drei Tage. Automatisiert und im Geschmack angeblich ganz ordentlich, wenn auch kein Hochgenuss. Oder Musik: MP3 hat als technischer Standard für blitzschnell verteilbare Musik die Tonträgerindustrie auf den Kopf gestellt. Doch Liebhaber sagen, MP3 habe die Qualität der Musik zerstört. Weil die Details der Musik im Gequäke aus Smartphones verloren gehen, will der exzentrische Superstar Neil Young die gehasste Technologie am liebsten sofort einstampfen. Was nützt auch seine monatelange Zauberei im Tonstudio, wenn die Musikdaten hinterher doch wieder in ein standardisiertes, skalierbares Mittelmaß gequetscht werden?

Überhaupt: Musikindustrie. Die Evolution der Taylor Swift. Vor gut elf Jahren als Cowboy-Girl gestartet, ist sie heute auf der ganzen Welt berühmt. Nur eben für Pop-Musik, denn außerhalb der USA begeistern sich nicht eben viele für Country-Musik. Ich übrigens schon. Die Teenies freuen sich, für die Puristen aus Nashville ist es Hochverrat. Auf jeden Fall erreicht TS heute etliche Millionen mehr Fans mit Mainstream. Das gönne ich ihr, persönlich mag ich aber Teardrops On My Guitar lieber.

Tatsächlich greift das Prinzip um sich: Überall auf der Welt suchen Wissenschaftler und Unternehmer nach neuen Methoden, um Produkte oder Prozesse immer schneller an immer mehr Abnehmer zu bringen. In der Gründer-Show Die Höhle der Löwen fragen die Investoren meist zuerst: Wie skaliert Ihr Geschäft? Ich denke: Wer den Breitengeschmack am besten trifft und seiner Zielgruppe glaubhaft macht, es wäre der eigene, hat die größten Chancen. Hier hilft Digitalisierung mit immer besserer Datenanalyse, da kenne ich mich aus. Doch Höchstleistung bleibt beim Fokus auf Massentauglichkeit zwangsläufig oft auf der Strecke. Losgröße 1 hin, flexible Einzelstücke her, schon setzen sich viele Entrepreneure nicht mehr fanatisch mit ihrem Produkt auseinander. Weil nur die wenigsten mit einer unfassbar guten Schöpfung reich werden, sondern mit dem besten Mix aus Zeit, Kosten und Qualität.

Nun bin ich selbst Diplom-Betriebswirt und spreche nicht für eine Gesellschaft, die sich am Geschmack oder dem Geldbeutel von kleinen Eliten ausrichtet. Und ich liebe Technologie und technischen Fortschritt.

Aber beraubt sich die Menschheit nicht der Schönheit und Spitzenleistung, wenn Optimierung im ökonomischen Sinne am Ende doch nur Mittelmaß erzeugen will? Wird das nicht langweilig, wenn der Lohn für Risikobereitschaft nur noch auf einem konformistischen Weltmarkt zu finden ist? Deutschland und Europa können da kaum noch mithalten. Aber ich sehe einen neuen USP für unseren Kontinent: Wenn Leistung aus Überzeugung entsteht – und nicht nur gerade so viel, wie es der Business Case verlangt. Wie seht ihr das?

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