Digitalisierung: Raus aus den Startblöcken

Innovation als Chance. Industrie 4.0 als Chefsache. So betitelte das Handelsblatt seinen Industriegipfel in Stuttgart. Mit Vorstandsmitgliedern von Thyssenkrupp, Siemens, Telefonica, Bosch, SAP und der Deutschen Telekom waren dort auch einige Chefs, die sich mit Digitalisierung beschäftigen. Alle bemüht um Zuversicht, denn der Standort Deutschland soll mit seinen günstigen Startbedingungen nicht abgehängt werden. Bei Konsumgütern und digitalen Diensten für Privatleute haben die Internet-Giganten Google, Facebook oder Amazon die Nasen weit vorne. Jetzt soll es die Industrie richten, wir gehen in die zweite Halbzeit der Digitalisierung. Und tatsächlich sind die Startbedingungen sehr gut, schließlich stellt Deutschland etliche Weltmarktführer, und wenn die alle erst einmal die Technikbrücke überschreiten im digitalen Zeitalter ankommen …

Allerdings bewegen sich die meisten nicht gerne aus ihrer Komfortzone. Was helfen die besten Voraussetzungen, wenn man nicht rauskommt aus den Startblöcken? Gerade bei Weltkonzernen entwickelt sich die Diskussion zwiespältig. Denn große Unternehmen haben eine träge Masse und neigen dazu, Geschwindigkeit aus allen Systemen zu nehmen. Frische Ideen, egal wie zukunftsträchtig sie sein mögen, werden vom Kerngeschäft plattgewalzt. Einige Chefs auf der Bühne in Stuttgart sprechen sich deshalb für einen geschützten Raum für disruptive Innovationen aus. So eine Art Inkubator im Konzern, der seine behütende Hand über Projekte hält, die den eigenen Unternehmenskern infrage stellen. Denn das ist das oberste Gebot der Digitalisierung: das Leistungsangebot nach außen immer wieder hinterfragen. Ohne Denkverbote. Der externe Wettbewerber, den man meistens gar nicht kommen sieht, denkt nicht an interne Zwänge oder Kannibalisierung. Er frisst einfach.

So ist es keine Überraschung, dass die Verweildauer im Aktienindex Standard & Poor’s 500, ein Aktienindex, der die Aktien der 500 größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen umfasst, immer schneller sinkt. Waren Unternehmen im Jahr 1958 noch durchschnittlich 61 Jahre in dieser Spitzengruppe, sind es heute nur noch knapp 19 Jahre. Und bis 2030 werden drei von vier aktuellen Unternehmen aus dem Index verschwunden sein, wird vorhergesagt.

Handeln tut also Not. Jetzt. Und zwar aus zwei Gründen: Technik und Timing. Technik, weil viele technischen Geräte, Anwendungen oder Prozesse eben jetzt verfügbar oder bezahlbar sind. Denken Sie beispielsweise an Narrow-Band IoT, das die Dinge im Internet zu bisher undenkbar niedrigen Kosten „datifiziert“ und damit digital macht. Heute bringt man einen Personenaufzug mit einem Sensor für ein paar Cent ins Internet.

Und Timing, weil die Nutzung der neuen Technologien jetzt exponentiell ansteigt. Wie bei der Geschichte vom Schachbrett und den Reiskörnern, die sich auf jedem Feld verdoppeln. Ging es auf den ersten Feldern noch beschaulich zu, sind wir jetzt auf der zweiten Hälfte des Schachbretts, und da ist die Entwicklungsgeschwindigkeit einfach gigantisch.

Deshalb heisst es gerade in Großunternehmen: Machen. Ohne Rücksicht auf Verluste. So wie der Hersteller von Gelenkwellen für die Automobilindustrie, der immerhin ein Viertel aller weltweit eingebauten Systeme liefert. Der hat seine Plattform für neue sogenannte Steer-by-Wire-Lenkungen genau in dem Unternehmensbereich eingerichtet, wo auch die traditionellen Lenkwellen gemacht werden. Entwicklungsingenieure und Fertigungsingenieure arbeiten eng zusammen, es gibt keine Silos und keine Angst, dass der eine Bereich dem anderen das Wasser abgräbt.

Oder der Aufzughersteller, der durch Digitalisierung die Anzahl der benötigten Fahrstühle in einem Hochhaus von acht auf sechs reduziert – das bedeutet erst einmal 25 Prozent weniger Produktion. Der Kunde dankt es, denn er kann den wertvollen Gebäuderaum viel lukrativer nutzen.

Fachleute sprechen in solchen Fällen von Ambidextrie, medizinisch für Beidhändigkeit. Die Fähigkeit, sich nicht nur mit der aktuellen Wertschöpfung auseinander zu setzen, sondern auch mit völlig neuen Ideen. Und seien wir ehrlich: Es geht nicht mehr anders. Schlussendlich endscheidet nur der Kunde mit seiner Nachfrage, was ein gutes Geschäftsmodell ist. Also raus aus der Kabine, die zweite Halbzeit hat längst begonnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*